Dialog 47: Die unfertige Aufklärung

Am 29. Mai 2017 von 14.00 bis 17.30 im Romerohaus Luzern

Der Wohlstand der Nationen heute beruht auf dem Erfolg der Aufklärung und ihrer vielen wissenschaftlichen und technischen Kinder. Zugleich aber zeichnet sich der Preis dieser modernen Kultur immer deutlicher ab: Abgeholzte Regenwälder, Arten- und Gletscherschwund, globale Erwärmung, ein riesiges Arsenal an Atombomben, Antibiotikaresistenzen, Weltallschrott usw. Der Planet Erde ist definitiv im Anthropozän angekommen, dem durch die Menschen geprägten Erdzeitalter. Aber weiß der Mensch, wohin seine angeblich aufgeklärte Reise gehen soll? Viele Menschen fühlen sich von der rasanten technologischen Entwicklung überfordert oder haben keine Chance daran anzuschließen. Droht eine ganz neue Dimension von Klassengesellschaft? Offensichtlich bedarf die Aufklärung selbst der Aufklärung.

Was das bedeuten könnte, erörtern im Dialog zwei Theologen. Beide fordern die Einbindung der religiösen Menschen und ihrer Traditionen in den aktuellen Diskurs, der eine aus philosophisch-sozialgeschichtlicher, der andere aus juristischer Sicht. Gemeinsam suchen wir nach einem Weg in die Zukunft, die offen ist für den geistigen Reichtum der Menschen und ungeahnte, neue Denkweisen, die das Leben fördern.

Thesen von Josef Estermann

  1. Die europäische Aufklärung ist mit dem Anspruch angetreten, den Menschen von seiner «selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien».

Diese Befreiung ist einseitig ausgefallen. Es ging um die Befreiung des «erwachsenen weissen Mannes» von kirchlichen, aristokratischen und biologischen Zwängen. Gleichzeitig fing damit die Unterjochung der Natur, der Frau und der nicht-abendländischer Kulturen an. Parallel zur Aufklärung in Europa findet in Abya Yala (von den EuropäerInnen «Lateinamerika» genannt) der grösste Genozid und mit den AfrikanerInnen eine nie dagewesene Versklavung statt.

  1. Die (berechtigte) Kirchen- und Religionskritik der Aufklärung ist in atheistischen und säkularistischen Ideologien selber zum Dogma geworden.

Die Verbindung emanzipatorischer Bewegungen mit atheistischen Grundprinzipien hat sich als fatal erwiesen. Die Aufklärung hat sich von ihren spirituellen Quellen abgeschnitten. An ihre Stelle sind Wissenschafts- und Technologiegläubigkeit getreten. Heute ist eine «Religionskritik» des Szientifizismus, des Kapitalismus und anderer säkularer (Un-)Heilslehren vonnöten, und damit eine Kritik an der Dogmatisierung der Aufklärung selbst.

  1. Die (europäische) Aufklärung ist eurozentrisch und eng mit dem Christentum verbunden.

Die Aufklärung wird als exklusive Errungenschaft der europäischen Geistesgeschichte präsentiert, und es wird dabei Werte auf verwiesen, die im Christentum grundgelegt sind (Freiheit, Kontingenz, Menschenwürde, Gleichheit, Geschwisterlichkeit). Es gibt aber auch nicht-abendländische Formen der «Aufklärung», die nicht auf das Individuum fokussiert sind und keine religionszersetzende Auswirkung haben.

  1. Die ökologische Krise ist eine Folge des extremen Anthropozentrismus der Aufklärung und eines darin enthaltenen dualistischen Weltbildes.

Nebst Descartes’ mechanistischem Weltbild hat auch das Christentum mit einer spiritualistischen und anthropozentrischen Interpretation von «Erlösung» und einer auf «Beherrschung» basierenden Interpretation von Gen 1,28 zusätzlich zur ökologischen Krise beigetragen, die zutiefst eine anthropologische ist. Die «Entmythologisierung» und «Säkularisierung» der (natürlichen) Welt bedeutete auch ihre «Profanisierung».

  1. Religion ist für die europäische Aufklärung ein Relikt des unaufgeklärten und damit nicht emanzipierten Bewusstseins.

Die Kirche(n) sind dem aufklärerischen Bild einer klerikalen, obskuren, traditionalistischen und irrationalen christlichen Religion weitgehend entgegengekommen, bis hin zu fundamentalistischen Ausprägungen. Phänomene wie der religiöse Sozialismus oder die Befreiungstheologie sind in dieser «halben» oder «unfertigen» Aufklärung gar nicht vorgesehen.

Josef Estermann, Theologe und Philosoph, bringt eine langjährige Süderfahrung als Laienmissionar und Universitätsprofessor in Peru und Bolivien mit. Er ist ein international anerkannter Experte für die Kulturen, Philosophien und Religionen im andinen Raum, sowie in Missionswissenschaft und Interkultureller Philosophie und Theologie. Seit 2012 ist er für Grundlagen und Forschung bei COMUNDO im RomeroHaus in Luzern zuständig und Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.

Thesen von Adrian Loretan

Die Französische Revolution und die ’natürliche Vernunft: Risiken einer entgleisenden Säkularisierung

«Der Umgang mit moralischer und religiöser Vielfalt ist eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaften gegenwärtig konfrontiert ist.» Wie vertragen sich ein säkularer Staat und eine auf den Prinzipien der Aufklärung (Freiheit, Gleichheit, Solidarität) beruhende Gesellschaft mit dem Selbstverständnis der Religionsgemeinschaften?

Es geht um die Frage der Werte der Französischen Revolution. Diese hatte sich nach anfänglichem Zusammengehen mit dem niederen Klerus radikal antikatholisch und antireligiös entwickelt. Nur so sah sie eine Möglichkeit, die Demokratie zu legitimieren gegen das Königtum, das mit dem christlichen Gottesgnadentum theologisch begründet wurde. Das Lehramt der katholischen Kirche lehnte die Demokratie ab bis zur Weihnachtsansprache Pius’ XII. von 1944. Erst die Konzilserklärung (1965) zur Religionsfreiheit «Dignitatis Humanae [Personae]» oder deutsch «Würde der menschlichen Person» enthielt ein klares Ja zum Grundrecht Religionsfreiheit und damit zum modernen demokratischen Verfassungsstaat.

Die Religionsfreiheit wird in ihrer europäischen «Entstehung nicht den Kirchen, nicht den Theologen und auch nicht dem christlichen Naturrecht verdankt, sondern dem modernen Staat, den Juristen und dem weltlich rationalen Recht», so Ernst-Wolfgang Böckenförde. Die typisch europäische Wurzel des säkularen Staates wurde in der Französischen Revolution (laicité) nochmals radikalisiert. Die Trennung von Staat und Religion kann aber auch anders gesehen werden als in Frankreich. Die USA und Deutschland entfalteten je ein anderes Trennungsmodell.

Ich werde u.a. mit und in Kritik an Habermas (Charles Taylor) aufzuzeigen versuchen, wie der gesellschaftliche und rechtsstaatliche Diskurs aus der antireligiösen Sackgasse herausfinden kann. Religiöse und atheistische Menschen sollen ihre jeweiligen Argumente in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen können.

Adrian Loretan, Professor am Interfakultären Zentrum für Religionsverfassungsrecht der Uni Luzern. Interdisziplinäre Doktorandenkolloquien gemeinsam mit Kyriaki Topidi zum Thema Religionsverfassungsrecht. Masterseminar gemeinsam mit der muslimischen Politologin Elham Manea, (Universität Zürich) bestritt ich im HS 2016 ein Masterseminar. Verfasser eines Gutachtens für die muslimischen Religionsgemeinschaften in der Schweiz. Die kirchliche Gassenarbeit in Luzern ist ihm ein vorbildliches Projekt von ‚private-public partnership‘, d.h. eine Zusammenarbeit von kirchlichen und staatlichen Partnern.

Medienbericht von Paul Jeannerat

 

Luzern, 29. Mai 2017

Seit der Französischen Revolution stützen sich die europäischen säkularen Gesellschaften auf Prinzipien der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Doch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil lehnte die katholische Kirche diese Grundsätze ab, obwohl sie Werte aufweisen, die im Christentum grundgelegt sind. Die Konzilserklärung Dignitatis Humanae (Würde der menschlichen Person) enthält ein klares Ja zum Grundrecht der Religionsfreiheit und somit zu den Prinzipien der Aufklärung. Dies ist aber noch nicht wirklich ins Bewusstsein vieler Lehrenden und Gläubigen eingeflossen. Die Aufklärung muss zu Ende geführt werden.

Die sechs Dialoge des Forums für offene Katholizität (FOK) im Bildungsjahr 2016/17 stellten sich dem Thema „Säkularismus als Herausforderung“. Am 29. Mai 2017 wurde die Reihe abgeschlossen mit dem 47.Dialog unter dem Stichwort „Die unfertige Aufklärung“.

Der Philosoph und Theologe Josef Estermann, Leiter Grundlagen und Forschung bei Comundo in RomeroHaus Luzern, zeigte auf, dass die europäische Aufklärung einseitig ausgefallen ist: Es ging ‚nur’ um die Befreiung des ‚erwachsenen weissen Mannes’ von kirchlichen, aristokratischen und biologischen Zwängen. Gleichzeitig fand die Ausbeutung der Natur, die Unterdrückung der Frau und die Unterjochung der nicht-europäischen Kulturen statt. Parallel zur befreienden Aufklärung in Europa erfuhren die Menschen in Lateinamerika einen Genozid und in Afrika eine nie dagewesene Versklavung. Nicht nur Europa, vielmehr die weite Welt bedarf daher einer neuen Aufklärung, einer Befreiung von den Dogmen von Wissenschaft, Technologie, Kapitalismus und anderer säkularer (Un-) Heilslehren und damit einer Kritik an der Dogmatisierung der Aufklärung selbst.

Adrian Loretan, Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Universität Luzern, ging von der These aus, dass der Umgang mit moralischer und religiöser Vielfalt eine der grössten Herausforderungen ist, mit denen unsere Gesellschaften gegenwärtig konfrontiert sind. Wie Religion in staatlichen Verfassungen eingebettet ist, entscheidet über den gesellschaftlichen Frieden. Dabei wird die Religionsfreiheit „in ihrer europäischen Entstehung nicht den Kirchen, nicht den Theologen und auch nicht dem christlichen Naturrecht verdankt, sondern dem modernen Staat, den Juristen und dem weltlich rationalen Recht“, zitierte Loretan den deutschen Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde. Die typisch europäischen Wurzeln des säkularen Staates wurden in der Französischen Revolution laisiert und radikalisiert und in eine antireligiöse Sackgasse geführt. Der heutige gesellschaftliche Diskurs muss gewährleisten, dass sowohl religiöse wie auch atheistische Menschen ihre jeweiligen Argumente einbringen können. Nur so können die derzeitig dominierenden anti-religiösen Dogmen in Staat und Gesellschaft überwunden werden.

Der anschliessende Plenumsdialog wurde von Thomas Staubli, Dozent für Altes Testament an der Universität Freiburg i/Üe, geleitet. Die 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten in erster Linie über den Stellenwert des Rechts in der Kirche. Adrian Loretan zeigte auf, wie das 2. Vatikanische Konzil zwar die Religionsfreiheit postuliert hat (Erklärung Dignitatis Humanae), die Kirche aber diese eigenen Prinzipien noch nicht in ihre Rechtsordnung überführt hat. Insofern ist nicht nur die Aufklärung zu Ende zu führen, sondern auch das Zweite Vatikanische Konzil.

Kommentar abschicken