Dialog Nr. 50: Alte Klamotten oder uneingelöste Visionen? Zur Bedeutung biblischer Werte heute

Die Bibel ist eine Anthologie, die über Jahrhunderte hinweg entstand. Ihre Rechtstexte, Erzählungen und Weisheitssammlungen enthalten das Beste aus der Kultur des Alten Orients. Dazu gehören die berühmten Zehn Gebote, der Psalter, das meistbenutzte Gebetbuch der Welt, aber auch Ijobs Klagen gegen Gott. Die christliche Bibel fügte Briefe mit Ratschlägen an Gemeinden und Sammlungen von Worten und Taten Jesu hinzu.

Das Spektrum der Werte, die diese Texte vermitteln ist breit. Was auffällt ist, dass sie einem Pluralismus von Meinungen Raum bieten und gleichzeitig die Einheit und Einzigkeit Gottes hochhalten. Besonders strenge Maßstäbe gelten für die Mächtigen der Erde.

Angesichts der gegenwärtigen Weltlage, die gekennzeichnet ist durch tiefe Krisen demokratischer Systeme (Brexit, Katalanien, Griechenland, Südafrika…), eine nationalistische Politik autokratischer Patriarchen (Trump, Putin, Modi…) und die sozialen und ökologischen Folgen eines entfesselten Neoliberalismus, muten viele biblische Werte mitunter geradezu futuristisch an.

Der 50. Dialog ist gleichzeitig Anlass für eine Würdigung des Forums für offene Katholizität und einen kurzen Rückblick, bei einem Apéro riche zu dem alle Teilnehmenden herzlich eingeladen sind.

Thesen von Nesina Grütter

Uneingelöste Werte? — Aktuelle Wertediskussion und Altes Testament[1]

Mehr als die Zehn Gebote

Die Zehn Gebote (der Dekalog) stellen eine griffige Zusammenstellung elementarer moralischer Grundlagen dar; sie schützen Werte, die für uns auch heute noch Gültigkeit haben (können).

Bei aller Hochschätzung der Zehn Gebote geht zweierlei aber häufig vergessen:

  1. Das *Alte Testament* beinhaltet verschiedene Zusammenstellungen von Geboten und Verboten, der Dekalog ist weder die einzige noch die einzig verbindliche.
  2. In vielen *alttestamentlichen* Texten werden nicht nur Werte vermittelt, sondern auch Werte diskutiert und problematisiert sowie das Nachdenken über eigene (und fremde) Werte angeregt.

Einfach ist nicht immer authentisch

Oft möchten wir komplexe Sachverhalte einfacher machen und sie so in den Griff kriegen. Das widerspricht aber der Realität heute und gestern: Viele Dinge im Leben sind und waren in sich vielschichtig und kompliziert – und lösen zudem oft auch noch widersprüchliche Gefühle aus. Komplexität ist und war die menschliche Realität. Die *alttestamentlichen* Schriften spiegeln dies wieder und bieten kein Orientierungsraster (richtig oder falsch) für heute. Sie verweigern uns einfache Lösungen, ja, sie räumen sogar Zweifeln Raum ein (vgl. Hiob, Kohelet) und können uns anregen, auch eine Frustrationstoleranz hinsichtlich alltäglicher Ambivalenzen zu entwickeln.

Wertediskussion auf ungewöhnlichen Wegen

Besonders die Vielstimmigkeit, die im *Alten Testament* bewahrt ist, kann ungewöhnliche Wege des Dialogs eröffnen, gelegentlich auch solche, die an christozentrischen Engführungen vorbeiführen.

[1] Die Begriffe *Altes Testament* und *alttestamentlich* setzte ich fortan zwischen zwei Sternchen, damit nicht vergessen geht, dass im ökumenischen Dialog verschiedene Schriftsammlungen als *Altes Testament* respektive *alttestamentlich* bezeichnet werden.

Nesina Grütter, Dr. theol., ist Oberassistentin für Altes Testament und Semitische Sprachwissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

Thesen von Detlef Hecking

  1. Wer sich heute auf «biblische Werte» beruft, steht inhaltlich auf bestem Boden, aber oft in schlechter Gesellschaft. «Die Bibel» wird zunehmend für fundamentalistische oder rein traditionelle Positionen vereinnahmt. Aufgeklärt-liberale Stimmen, die den Diskurs noch in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts prägten, haben es demgegenüber schwer.
  1. Zu den Gründen dafür gehören a) eine weit verbreitete Unkenntnis über biblische Kernthemen und Optionen sowie b) die Missachtung einer zeitgemässen, aufgeklärten biblischen Hermeneutik.
  1. Beides betrifft keineswegs nur Kirchen- oder Religionsdistanzierte, sondern auch viele Mitglieder und Leitungspersönlichkeiten in Landes- und Freikirchen. Es handelt sich also nicht nur um den viel beklagten Traditionsabbruch, sondern um seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten umstrittene Grundfragen im Umgang mit Inhalten, Hermeneutik und öffentlicher Relevanz der biblischen Schriften. In diesem Prozess gewinnen konservativ-fundamentalistische Positionen derzeit wieder an Boden.
  1. Eine Diskussion um «biblische Werte» muss im interreligiösen Kontext heute deshalb auf einem vertieften Verständnis «heiliger Schriften» allgemein und der Bibel im Besonderen aufbauen. Wir brauchen Alphabetisierungskampagnen in allen Religionen, und zwar jeweils nach «innen» und nach «aussen».
  1. (Neu) klärungsbedürftig sind einerseits Charakter und Autoritätsanspruch der jeweiligen Schriften und andererseits die Art, wie Werte und Normen – in unserem Fall: biblische – in gesellschaftliche Diskurse in multikulturell-interreligiösen, zugleich aber offiziell mehrheitlich säkularen Gesellschaften eingebracht und begründet werden.
  1. Inhaltlich sind aus biblischer Perspektive folgende Diskussions- und Handlungsfelder vorrangig:
    1. Die Bibel: Ein Buch von Mehrstimmigkeit und Pluralität
    2. Menschenwürde: Gottebenbildlichkeit und Gleichberechtigung aller Menschen
    3. Menschenbilder: Zwischen Geschöpflichkeit und Mitgestaltungsauftrag
    4. Menschenrechte und Menschenauftrag: Gerechtigkeit und Frieden
    5. Menschliche Selbstbeschränkung: Bewahrung der Schöpfung & Lebensgrundlagen für alle
    6. Gottesbilder: Vom «Gott will es!» zum Eingeständnis des Nichtwissens

Detlef Hecking, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und Lehrbeauftragter für Neues Testament am Religionspädagogischen Institut der Universität Luzern.

Pressebericht von Paul Jeannerat

Luzern, 29. Januar 2018

Zur Werte-Diskussion: Sich mit der Bibel einmischen

Zu einem engagierten Plädoyer für eine offene Katholizität, die sich abstützt auf die Bibel, wurde am Montag der 50. FOK-Dialog im RomeroHaus Luzern. Moderator, Referentin und Referent sowie die 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterstrichen die verbindliche Bedeutung der Bibel für die derzeitige politische Debatte um «Werte». Allerdings: die Bibel in zeitgemässer, aufgeklärter Auslegung, ohne fundamentalistische Engführung.

Unter der Bezeichnung «Katholische Dialoge» finden im RomeroHaus Luzern seit 2009 jährlich fünf Diskussionsrunden des Forums für offene Katholizität (FOK) statt. Diese werden bewusst als katholisch erklärt, um den Begriff nicht den Engdenkenden zu überlassen. Im Rahmen der aktuellen politischen Diskussion um «Werte» traf der willkommene Zufall ein, dass an diesem 50. Dialog (ein beachtliches Jubiläum!) nach der Bedeutung der Bibel als Grundlage der christlichen Werte gefragt wurde. Referentin und Referent unterstrichen, dass die Bibel für eine christlich geprägte Kultur normativ ist und bleiben muss.

Das Konzept der Dialoge sieht vor, dass zwei Referent(inn)en einige Thesen schriftlich vorlegen, kommentieren und so einer längeren Diskussion unterziehen. Dieses Mal ergänzten sie sich in idealer Weise: Frau/Mann, reformiert/katholisch, Altes/Neues Testament.

Mehr als die Zehn Gebote

Nesina Grütter, an der Universität Basel tätig als Lektorin für Altes Testament und Semitische Sprachwissenschaft, stellte die sog. Zehn Gebote (den Dekalog) als griffige Zusammenstellung elementarer moralischer Grundlagen dar: «Sie schützen Werte, die für uns auch heute noch Gültigkeit haben». Allerdings sind die Zehn Gebote weder die einzigen noch die einzig verbindlichen Zusammenstellungen von Geboten und Verboten in der Bibel. Und es werden in der Bibel nicht nur Werte vermittelt, sondern auch Werte diskutiert und problematisiert. Das Nachdenken über eigene (und fremde) Werte wird immer wieder angeregt. Die Komplexität der menschlichen Realität wird nicht simplifiziert, so dass für Fragen und Zweifel Raum bleibt. Diese Vielstimmigkeit der Bibel ermöglicht Wertediskussionen mit allen Weltanschauungen.

Biblische Werte im interreligiösen Kontext

Detlef Hecking, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle Zürich und Lehrbeauftragter für Neues Testament an der Universität Luzern, stellte provokativ die These auf: «Wer sich heute auf «biblische Werte» beruft, steht inhaltlich auf bestem Boden, aber oft in schlechter

Gesellschaft», denn «die Bibel wird zunehmend für fundamentalistische oder rein traditionelle Positionen vereinnahmt. »Die Diskussion um ‘biblische Werte’, muss im interreligiösen Kontext heute auf einem vertieften Verständnis ’heiliger Schriften’ allgemein und der Bibel im Besonderen aufbauen. Klärungsbedürftig sind deren Charakter und Autoritätsanspruch und auch die Art, wie Werte und Normen in Diskurse einer multikulturell-interreligiösen, zugleich aber offiziell mehrheitlich säkularen Gesellschaft eingebracht werden. «Wir brauchen Alphabetisierungskampagnen in allen Religionen», betonte Detlef Hecking, und er erwähnte als vordringliche Diskussions- und Handlungsfelder die Menschenwürde, die Menschenbilder und die Menschenrechte.

Die Diskussion, eingeführt und geleitet Thomas Staubli, Lehrbeauftragter für Altes Testament an der Universität Freiburg, war lebhaft und engagiert. Immer wieder klang in den Voten die Sorge um eine sorgfältige historisch-kritische Auslegung der Bibel, die ihrer Vielstimmigkeit entspricht: Wer die Bibel als autoritäres Instrument braucht, wird ihrer gottgegebenen Würde nicht gerecht.

Jubiläum: 50. Dialog

Im Anschluss fand eine kleine Feier zum 50. Katholischen Dialog statt. Leo Karrer, der als Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg um das Jahr 2000 die Initialzündung für das FOK gegeben hat, erhielt Anerkennung und Dank. Und mit ihm wurde die Arbeit des ganzen FOK-Kernteams und des RomeroHauses gewürdigt. Leo Karrer seinerseits sprach vom tief befriedigendem Erlebnis, das die Katholischen Dialoge jeweils schenken: «Solche Erfahrungen schenken mir Freude an der Kirche.»

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