Dialog Nr. 51: Anders in Sprache und Ausdruck – Religiöse Werte in Theater und Dichtung

Am 12. März 2018 von 14.00 bis 16.45 im Romerohaus Luzern

Ein Dialog zum Herbert-Haag-Preis 2018

Der Streit um Werte ist auch ein Streit um Sprache – oft mit Wörtern vergangener Zeiten. Wenigen gelingt es, ihre Suche nach Orientierung für sich und die Gesellschaft in packenden Bildern gegenwärtig zu machen und die Frage nach Gott mit Worten zu formulieren, die überraschen. Mit Volker Hesse und Andreas Knapp, den diesjährigen Trägern des Herbert-Haag-Preises, stehen zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten Red und Antwort – unter der Moderation von Thomas Staubli.

Thesen von Andreas Knapp

  1. Das Menschsein beginnt mit der Sprache; sie macht uns heimisch und deutet das Vieldeutige.
  2. Sprache ist auch ein Herrschaftsinstrument. Wem gute Worte ver-sagt bleiben, der fühlt sich als Ver-sager.
  3. Wenn es um das göttliche Geheimnis geht, zerbrechen alle unsere Formeln und Dogmen. Die Ausdrucksform der Religion muss frei und erfinderisch sein.
  4. In einer Sprache, die nur die Begriffe der Physik und Verwaltung kennt, kann das Staunen und das Bewundern des Schönen nicht vorkommen. Religiöse Erfahrung muss diese Monokultur durchbrechen.
  5. Die Theologie ist in Gefahr, die Sprache inflationär zu gebrauchen, weil man Gott sprachlich nicht fassen kann. Lyrik ist vieldeutig und darum dem nie fassbaren Gott angemessen.

Andreas Knapp (*1958 im badischen Hettingen) ist promovierter Theologe und katholischer Priester. Nach Tätigkeiten als Studentenpfarrer und Regens wurde er Kleiner Bruder vom Evangelium gemäss dem spirituellen Erbe von Charles de Foucauld und lebt heute als Hilfsarbeiter am Stadtrand von Leipzig. «Sprachlos vor dem Wort» greift er in zahlreichen Gedichtbänden und Büchern alte Fragen neu auf.

Thesen von Volker Hesse

Theaterkunst vermag neu sehen lehren. Eingespielte Vorstellungen und fest gefügte Betrachtungsweisen können im Erlebnis einer Aufführung aufbrechen, sich verändern, neue Verbindungen eingehen.

Bsp. 1: «Das Einsiedler Welttheater» von Thomas Hürlimann

Die Spiele 2000 und 2007 waren als ganze ein radikaler Bruch mit dem, was vorher an Calderon-Interpretation an diesem Ort üblich war. Die katholische Glaubensversicherung wurde durch beunruhigende Fragen ersetzt: Gibt es Gott?  Welchen Sinn hat das Leid?  Wie gehen wir um mit der zunehmenden Ablehnung der traditionellen religiösen Formen?  Die Aufführungen versuchten in offenen Formen, in sinnlichen Ambivalenzen die kritischen Fragen zu stellen. Es gab keine festen Thesen, keine rationalen Definitionen.

Bsp. 2: «Nathan der Weise» von G.E. Lessing

Das berühmte Stück über Toleranz zwischen Christentum, Islam und Judentum ist kein Thesenwerk. Der Dichter Lessing entwirft seine Vision in lebendigen Widersprüchen. Keine Figur sagt die Wahrheit. Selbst der überlegen argumentierende Nathan verliert jede Fassung, wenn er seine Hiobsgeschichte erzählt. Die Gestalten behalten Geheimnis, Aufklärung bedeutet nicht pure Rationalität.

Volker Hesse (*1944 im Hunsrück) ist ein Meister der Aktualisierung und Dramatisierung religiöser Inhalte in Europas säkularer Gegenwart. Das hat er mit einer expressiven Wucht bewiesen bei der Inszenierung des Welttheaters in Einsiedeln (2000 und 2008), mit dem Spektakel Sacre del Gottardo (Eröffnung des neuen Gotthardtunnels 2016) oder mit der Inszenierung des Mysterienspiels Akte Zwingli (2017 im Zürcher Grossmünster).

Medienbericht von Alois Odermat

«Nur dichterische Sprache ist dem Göttlichen angemessen»

Luzern, 12. März 2018 / Alois Odermatt *

Für ihre schöpferische Freiheit in Wort und Bild hat die „Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“ den Priester und Lyriker Andreas Knapp und den Theatermann und Regisseur Volker Hesse geehrt. Am 12. März stellten sich die Preisträger im Romerohaus Luzern der Diskussion – im Rahmen einer Dialog-Veranstaltung des Forums für offene Katholizität (FOK). Es zeigte sich: Es gibt ergreifende Versuche, sich dem Göttlichen neu anzunähern. Sie brauchen Freiraum.

Es ist Tradition, dass sich die Preisträger «Freiheit in der Kirche» jeweils im Nachgang zur sonntäglichen Feier öffentlich der Auseinandersetzung stellen. Fünfzig Personen nahmen an diesem Montag-Dialog teil. Die Moderation besorgte Thomas Staubli, Dozent für Altes Testament an der Universität Freiburg (Schweiz).

«Es geht um die Erdichtung Gottes»

Andreas Knapp ist Mitglied der «Kleinen Brüder vom Evangelium». Er lebt in Leibzig inmitten von Menschen am Rand der Gesellschaft. Dabei erfährt er, wie unsere religiöse Sprache oft künstlich und übertrieben feierlich wirkt. Aber es gebe keine Begriffe, die für das Göttliche stimmten. Denn Gott sei nicht begreifbar – ausgesprochen unaussprechlich. «Unsere Formeln und Dogmen zerbrechen, wenn es um das göttliche Geheimnis geht.» Da sei nur die offene und vieldeutige dichterische Sprache angemessen. «Es geht um die Erdichtung Gottes». Die Ausdrucksform der Religion müsse frei und erfinderisch sein. Ausdruck dieser Freiheit sind Knapps Gedichtbände, die zur eindrucksvollsten spirituellen Poesie unserer Zeit zählen.

Die Diskussion versuchte, sich dieser «Erdichtung Gottes» anzunähern und die überlieferte Sprache von Frömmigkeit und Liturgie anhand einiger Beispiele dafür zu öffnen.

Theaterkunst setzt sich der Gottesfrage aus

Volker Hesse ist ein Meister in der Dramatisierung religiöser Urbilder und Geschichten. Das bewies er 2016 beim «Sacre del Gotthard» zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels und 2017 beim Mysterienspiel «Akte Zwingli» im Zürcher Grossmünster, aber noch ausgeprägter bei den Inszenierungen 2000 und 2007 des Welttheaters in Einsiedeln, die auf die moderne Gottesproblematik eingingen. «Die barocke katholische Glaubensversicherung wurde durch beunruhigende Fragen ersetzt: Gibt es Gott? Was bis du für einer? Welchen Sinn hat das Leid?» Hesse gab den irdischen Klagen und Anklagen eine Bühne und forderte Gott und Kirche mit den uralten Fragen der Menschheit heraus. Es sei erstaunlich gewesen, wie sich die Spielleute, auch Schülerinnen und Schüler, existenziell davon berühren liessen.

Der Gedankenaustausch ging der Frage nach, wie wir mit der zunehmenden Ablehnung überkommener religiöser Formen umgehen. Welche Vorstellungen von «Gott» werden dabei abgelehnt?

Nächster Dialog: Wertediskussion und Islam

Gemeinsam mit dem RomeroHaus Luzern und der Reformbewegung tasatzung.ch lädt das Forum für offene Katholizität (FOK) regelmässig zu Dialog-Veranstaltungen über Fragen ein, die sich in Gesellschaft und Kirche unter den Bedingungen der Moderne stellen. Die Dialoge des Bildungsjahres 17/18 sind der aktuellen Wertediskussion gewidmet. Der nächste findet am Montag, 30. April 2018 von 14 bis 18 Uhr im RomeroHaus Luzern statt. Er widmet sich einer hochaktuellen Frage: Wie wird unsere Wertediskussion durch die Präsenz des Islam herausgefordert. Impulse dazu geben der Politiker Hanspeter Uster und der Islamwissenschaftler Smir Dziri.

* Alois Odermatt, Historiker mit Schwerpunkt Liturgiegeschichte, ist Mitglied der Kerngruppe FOK.

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