Dialog Nr. 53: Was, wenn ein jeder Papst sein will? Wertepluralismus und Werteindividualismus in multiethnischer Gesellschaft

Am 28. Mai 2018 von 14.00 bis 17.00 im Romerohaus Luzern

Der bekannte und leider zu früh verstorbene deutsche Soziologe Ulrich Beck zeigte, wie in der hochdifferenzierten Gesellschaft, in der wir leben, ein Zwang und zugleich die Möglichkeit entstand, ein eigenes Lebenzu führen. Es ist allerdings kein selbstbestimmtes Leben, sondern durch und durch abhängig von Institutionen, die an die Stelle bindender Traditionen getreten sind. Sie fordern von uns, das eigene Leben selbst zu organisieren. Die Biographie wird zur Bastel- und Risikobiographie, gesellschaftliche Krisen werden auf das eigene Leben bezogen, jedes Scheitern zu einem individuellen Scheitern (wer klagt seine Rechte heute noch auf der Straße ein?.

Ist es da verwunderlich, wenn Menschen, denen die Last des globalen, enttraditionalisierten, experimentellen Lebens zu groß wird, auch individuelle Werte und identitäre Heimat einfordern?

Thesen von Edmund Arens

1. Von Werten ist derzeit überall die Rede, und dies wohl, weil sie offenbar etwas Heimeliges, Identitäres, genuin Eigenes zu vermitteln scheinen. Die Werte-Ideologie reicht vom Albisgüetli übers Rütli bis zum Ranft. In der L‘Oréal-Werbung ist diese Ideologie auf den Punkt gebracht: «Weil ich es mir wert bin.»

2. «Werte» ist ein Containerwort. Es ist ebenso diffus wie vieldeutig, findet für alles und jedes Verwendung. Werte sind Produkt und Ergebnis einer Bewertung, wobei die positive Valorisierung der eigenen Werte mit der Abwertung derjenigen einhergeht, denen diese Werte eben fehlen und die von daher nicht in Frage kommen für das «christliche Abendland» oder die «Schweizer Leitkultur». Solche Bewertung bzw. Abwertung suggeriert eine Konkurrenz der Religionen respektive einen Kampf der Kulturen.

3. Religiöse Gruppen und Gemeinschaften werden von gemeinsamen Überzeugungen und Praktiken zusammengebunden und zusammengehalten. Um in multireligiösen und multiethnischen Gesellschaften friedlich miteinander existieren zu können, braucht es neben dem zusammenschweissenden «bonding» auch ein brückenbauendes «bridging». Es bedarf der Fähigkeit und der Bereitschaft, mit Angehörigen anderer Religionen, Ethnien etc. in Kontakt zu kommen und in einen Austausch zu treten, der die Möglichleiten und Grenzen der Verständigung mit anderen auslotet.

4. Religionen können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, jene intellektuellen und interaktiven Potenziale zu bedenken, zu fördern und zu praktizieren, die Individuen, Gruppen und Gemeinschaften aus der Selbstidealisierung, Abschottung und gegenseitigen Abwertung herausführen und ihnen dabei helfen, elementar humane, spirituelle und theologische Gemeinsamkeiten zu entdecken. Im «Aus-Sich-Herausgehen» (Papst Franziskus) lassen sich Verbindungen und neue Bindungen erkunden, bezeugen, feiern und teilen.

Edmund Arens (*1953), lehrte von 1996-2017 Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. In Münster und Frankfurt hat er Theologie und Philosophie studiert. Von 1999-2000 war er «Wort zum Sonntag»-Sprecher im Schweizer Fernsehen. Seit 2006 ist er Präsident der Sektion Schweiz der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. 20 Jahre war er im Kath. Seelsorgerat des Kantons Luzern. Sein Hauptinteresse gilt der Politischen Theologie und der Kritischen Theorie.

 

Josef Lang, (*1954), aufgewachsen im bäuerlichen Freiamt, Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik in Zürich, 1981 Doktorat nach Dissertation über die Basken unter Franco. Wegen Berufsverbot kein Zugang als Lehrkraft an Mittelschulen und Universität. 1982 bis 2017 Allgemeinbildender Lehrer an der Baugewerblichen Berufsschule in Zürich. In 1990er Jahren Wiederaufnahme der Geschichtsforschung, vor allem zur Geschichte des Katholizismus, zum Antisemitismus und zum Kulturkampf. 1982-2004 Zuger Parlamentarier, 2003-2011 Nationalrat, Mitinitiant der Volksinitiative für eine Schweiz ohne Armee und eine umfassende Friedenspolitik, GSoA-Vorstand.

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