Dialog Nr. 59: «Ihr macht uns die Kirche kaputt!»: Ein Dialog zur Krise der Katholischen Kirche

Mit Prof. Daniel Bogner und Abt Urban Federer am Montag 28. Oktober 2019, 18.30-21.30 Uhr im aki, katholische Hochschulgemeinde Zürich, Hirschengraben 86, 8001 Zürich

Katholikinnen und Katholiken leben in einer Monarchie, die sich selbst nicht heilen kann und die, wie die Missbrauchsskandale schmerzhaft zeigten, auch die Menschenrechte erst noch lernen muss. Dieses System hat tiefe Risse erhalten und massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Dazu hat der Moraltheologe Daniel Bogner ein aufrüttelndes Manifest verfasst.

Prüfstein der Krise ist für Bogner die Frauenfrage, die unser Dialogforum schon seit Jahren beschäftigt und auch im nächsten Dialog zur Debatte steht. Die Lage ist dramatisch: Viele Seelsorgerinnen und Theologinnen haben innerlich oder auch äußerlich Abschied genommen von der Kirche. Bogner fordert eine gemischtgeschlechtliche Leitungsstruktur in der Kirche, ein Ende des rein männlichen Klerikalismus. Aber Bogner fordert auch den Reformkatholizismus heraus. Die Rede von Synodalität oder Tagsatzung wecke falsche Erwartungen, solange am Ende doch der Klerus entscheide. Gefragt sei eine klarsichtige Analyse des Ist-Zustandes.

Kann Abt Urban der Kritik des Professors beipflichten? Oder ist die Sicht auf die Kirche aus dem Kloster eine ganz andere, weniger aufgeregte? Oder ist sein Reformprogramm gar radikaler?

Daniel Bogner *1972 in Neumarkt, Oberpfalz. Studium der Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft, promoviert mit einer Arbeit zu «Mystik und Politik bei Michel de Certeau», danach Spezialisierung in Sozialethik. Von 2000-2006 Referent für Menschenrechtspolitik bei der deutschen Kommission Justitia et Pax, seit 2014 Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Fribourg. Verheiratet und Vater dreier Kinder.

Urban Federer * 1968 in Zürich, trat 1988 ins Kloster Einsiedeln ein. Nach theologischen Studien in Einsiedeln und St. Meinrad, Indiana (USA) wurde er 1994 zum Priester geweiht. Studium der Germanistik und Geschichte in Fribourg; Dissertation zur Deutschen Mystik des Mittelalters. 2013 wählte ihn die Klostergemeinschaft zum 59. Abt des Klosters Einsiedeln, wenig später folgte die Ernennung durch Papst Franziskus.

1. In der Poesie ist es eine Selbstverständlichkeit: Form und Inhalt können nicht einfach voneinander getrennt werden. So gilt auch für die Kirche: Verfassungsfragen sind Existenzfragen. Eine Alternative „Evangelisation versus Strukturreform“ ist deshalb sachlich falsch.

2. Die wesentlichen Aussagen des II. Vatikanischen Konzils (Gottes Volk auf dem Weg der Nachfolge, die geschwisterliche Kirche, das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen), aber auch die Grundbotschaften des christlichen Glaubens (die gleiche Würde aller Menschen, deren unvertretbare Verantwortung als freie Geschöpfe, die Unerreichbarkeit Gottes) finden keinen angemessenen Niederschlag in der Verfassung der Kirche.

3. Die katholische Kirchenverfassung stellt etwas Perfides mit ihren Mitgliedern an: Sie zementiert eine Gemeinschaftsordnung, die nicht zuerst an Freiheitlichkeit und Menschenwürde, sondern an der Vorrangstellung der Institution Kirche Mass nimmt. Ihr höchster Daseinszweck ist die sichere Übermittlung der „Heilsgüter“.

4. Es war ein Fehler, die Frage nach einer guten Kirchenverfassung lange Zeit zu vernachlässigen. Denn hier entscheidet sich, ob das Arbeiten an Themen und Inhalten, ob gläubige Existenz insgesamt fruchtbar werden kann oder zur Sisyphusarbeit enträt.

5. Alle in der Kirche leiden unter der gegebenen Lage: Priester, die ihrer Berufung zur Nachfolge entsprechen wollen, spüren, dass sie auch Amtswalter einer absolutistischen Monarchie sind. Bischöfe, die erneuern wollen und sich den Problemen stellen, wirken wie durchtrainierte Athleten, die vor dem Wettkampf in eine mittelalterliche Ritterrüstung steigen müssen, die ihren Willen sogleich lähmt. Und die Kirchenmitglieder werden „verrechnet“ zwischen den ehrlichen Absichten und dem guten Willen von Kirchenoberen und Seelsorgern auf der einen Seite – und einem Kirchenrecht, das für die Institution denkt und dem die Position des religiösen Individuums innerlich fremd bleibt, da es über Jahrhunderte hinweg alle Entwicklungen in Theologie, Spiritualität und Seelsorge kaum mitvollzogen hat.

6. Das Drama der Kirche besteht darin, dass für Reform, Erneuerung und Protest keine verlässlichen Strukturen zur Verfügung stehen, wie dies in der bürgergesellschaftlichen Existenzform der Demokratie längst der Fall ist. In der Kirche gilt: Der Rechtsweg ist ausgeschlossen! Gläubige leiden unter der Resonanzlosigkeit ihres grosszügig eingebrachten Mitgestaltungswillens.

7. Was ist deshalb heute erforderlich? Vieles, aber auch das: pastoraler Ungehorsam als Form einer Wiederaneignung von Kirche!

 

Pressebericht von Paul Jeannerat*

Evangelisation versus Strukturreform?

Die Kirche liegt auf der Intensivstation. Ihre Situation ist sehr ernst. Wer an ihrem Krankenbett steht, mag gute Worte sagen. Aber das genügt nicht. Es braucht wirksame Heilmittel. Die beiden Referenten am 59. Ökumenischen Dialog waren darüber einig: Die katholische Kirche braucht Reformen.

Doch: «Ihr macht uns die Kirche kaputt!» rief eine Frau vor kurzem in die Runde  – anlässlich eines Vortrages, den Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i/Ü, hielt. Professor Bogner wählte dann diese Anklage als Titel seines kürzlich erschienen Buches (HerderVerlag) und als Titel seines Impulsreferates am FOK-Dialog vom 28. Oktober 2019 in Zürich, nicht ohne anzufügen: «…doch wir lassen das nicht zu!» Die rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörer am FOK-Dialog merkten rasch, wer mit dem «Ihr» und dem «Wir» gemeint ist: sie selbst. Wir kirchlich engagierten Menschen stehen in einer Spannung zwischen Liebe und Treue auf der einen Seite und Enttäuschung und Ratlosigkeit auf der anderen, viele Ältere, nach einer langen Berufsausübung in der Kirche, und erfreulich viele Junge, am Anfang ihres Dienstes.

Bogners Co-Referent war Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Aus seinen Voten konnte man hören, dass auch die Schweizer Bischöfe hin und her gerissen sind zwischen Tradition und Neuerung, und dass es ihnen schwerfällt, die Zeichen der Zeit zu deuten. «Es gibt keinen Königsweg zur Rettung der Kirche, aber es gibt Spuren, denen wir zu folgen haben» sagte er zum Beispiel.

Daniel Bogner sieht als Grundproblem der gegenwärtigen kirchlichen Krise darin, dass wesentliche Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils heute, nach 50 Jahren, noch keinen angemessenen Niederschlag in der Verfassung der Kirche fand: das Volk Gottes auf dem Weg, das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen, die gleiche Würde aller Menschen. «Es war ein Fehler, die Frage nach einer guten Kirchenverfassung zu vernachlässigen. Das Drama besteht darin, dass für Reform, Erneuerung und Protest keine zuverlässigen Strukturen zur Verfügung stehen. In der Kirche gilt: Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Gläubige leiden unter der Resonanzlosigkeit ihres grosszügig eingebrachten Mitgestaltungswillens.» Für die Zuhörenden wurde klar: Die Rechtsordnung der Kirche ist Teil des Verkündigung des Evangeliums. «Die Alternative ‘Evangelisation vs. Strukturreform’ ist sachlich falsch.

In souveräner Weise leitete Thomas Staubli, Oberassistent für Altes Testament an der Universität Freiburg, die lebhafte Diskussion. Einzelne Voten betrafen die Stellung der Frau in der Kirche und machten so den Übergang zum 60. Ökumenischen FOK-Dialog. Dieser findet am Montag, 9.Dezember 2019 (18.30-21.30) im RomeroHaus, Kreuzbuchstrass 44, Luzern statt. Doris Strahm und Li Hangartner halten eine Diskussion über Kirche und Gender, mit dem Titel «Der schleichende Exodus der Frauen».

* Paul Jeannerat ist als Theologe und Journalist Mitglied des Kernteams Forum für offene Katholizität

 

 

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