Dialog Nr. 52: Wetteifert miteinander im Tun guter Werke! Wertediskussion herausgefordert durch die Präsenz des Islams

Am 30. April 2017 von 14.00 bis 17.30 im Romerohaus Luzern

Eine Syrerin mit zwei Kindern findet im Rahmen des Familiennachzugs Aufnahme in einem Schengenstaat, wo ihr Mann bereits auf sie wartet. Weil sie von ihm geschlagen wird, zieht sie mit ihren Kindern weiter in die Schweiz. Weil sie die Aufnahmebedingungen nicht erfüllt, wird sie abgewiesen. Weil sie sich aber gut integriert hat, kämpft eine konservative Dorfbevölkerung gegen den Negativentscheid und für ihren Verbleib. Gleich mehrfach prallen in dieser Geschichte verschiedene Werte gegeneinander: Christliche und muslimische? Oder einfach männliche und weibliche, staatliche und menschliche? – Trèbes, Carcassonne, Münster…die letzten Namen auf einer wachsenden Liste von Orten mit islamistischen Anschlägen in Europa. Wie reagieren Muslime und Christen darauf? Welche Werte teilen sie? Gibt es Trennendes? Sind die christlichen Europäer zu tolerant? Die wachsende muslimische Präsenz in Europa löst viele Fragen aus und ist gegenwärtig der Turbo in der Wertedebatte. Wir führen sie mit: Amir Dziri und Hanspeter Uster.

 

Thesen von Amir Dziri

  1. ENDE DES NEOLIBERALISMUS?
    Die neoliberale Wirtschaftsideologie generiert paradoxerweise einen neuen Protektionismus. Die permanente Erweiterung der Absatzmärkte bringt die traditionellen Arbeiter mit ihren solidarischen Wertvorstellungen ins Hintertreffen. Sie wollen sich schützen: Brexit (GB), Trump (USA)
  1. POST-SÄKULARE EMANZIPATION (Nancy Frazer)
    In individuellen kapitalistischen Lebensmodellen wird der Neoliberalismus mit den Werten der offenen Gesellschaft (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, LGBTQ) kurzgeschlossen. Gefordert ist angesichts der marginalisierten Menschen daher ein neues Emanzipationsverständnis jenseits der Ich-AG. Ist Trump die Heilsfigur, die den korrupten Mechanismen des Kapitals entgegentritt?
  1. FETISCH ISLAM
    Diese sozio-politischen Analysen finden für Gesellschaften mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung keine Anwendung. Für sie wird nur immer wieder auf die zentrale Rolle der Religion verwiesen. Dies gilt sowohl für die Wahrnehmung von außen als auch für die Selbstreflexion in diesen Ländern. Wir haben es mit dem Phänomen einer europäischen Fetischisierung des Islams als absoluter Ordnungsgröße muslimischer Gesellschaften zu tun, die in einer orientalischen Fetischisierung des Islams gespiegelt wird – eine gegenseitige Abhängigkeit, die sich im Bedürfnis nach Abgrenzung hochschaukelt.
  1. PRISMA ISLAM
    Die Islam-Debatte ist zu einem Prisma zahlreicher Aushandlungsprozesse post-säkularer Gesellschaften geworden, die weit über den Betreff Muslime hinausreichen. Mögliche Gründe: Muslime haben oft einen erkennbaren Migrationshintergrund. Sie sind (oftmals vermeintlich) sichtbar. Sie haben ein anderes Verständnis von gelebter Religion. Sie nerven mit lautstarken Forderungen.
  1. DEFIZITE AUFARBEITEN
    Gefordert ist daher einerseits eine verstärkte Selbstreflexion, sprachlich-symbolische Adaptation und gesellschaftliche, verantwortungsbewusste Artikulation von Muslimen in offenen Gesellschaften, andererseits die Bereitschaft, muslimische Identitäten sozial, politisch und biographisch differenziert wahrzunehmen.

Amir Dziri, 1984 in Tunis geboren, ist in Deutschland aufgewachsen. Er forscht zu religiösem Denken und zur Geistes- und Kulturgeschichte des Islams im Horizont gegenwartsrelevanter Fragen. Von 2011 bis 2017 wirkte er am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster an dessen institutioneller und fachlich-akademischer Etablierung mit. Seit September 2017 besetzt er die erste Professur für Islamische Studien in der Schweiz und ist Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg.

 

Thesen von Hanspeter Uster

«Wert» stammt begriffsgeschichtlich aus der Mathematik und Ökonomie

In der Philosophie und Ethik erscheint der Begriff «Wert» mit der Bedeutung einer Orientierungsdirektive im 19. Jahrhundert, im öffentlichen Gebrauch sogar erst im 20. Jahrhundert. Was wir heute mit dem Terminus «Wert» meinen, gab es auch schon früher, aber es hiess anders: statt von Werten sprach man vom Wahren  oder vom Guten.

Werte sind heute allgegenwärtig: Alle berufen sich auf sie, aber ihr Wert sinkt durch den inflationären Gebrauch

Die Beliebigkeit der Werte zeigt Wolfgang Ullrich in seinem provokanten Buch «Wahre Meisterwerke», Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur

Der Wert der Menschenrechte

Die Menschenrechte sind eine kurzgefasste Charta der grundlegenden Rechte, die jeder Person zustehen. Sie sind der Kernbereich eines jeden Menschen, unabhängig seines Geschlechts, Herkunft, Hautfarbe, Status und Glauben. Diese Werte sind nicht nur Wert-Deklarationen, sondern durchsetzbare Ansprüche und Pflichten, garantiert durch den (demokratischen) Rechtsstaat.

Toleranz ist kein Gnadenakt. Im Kern (und im Lateinischen) heisst Toleranz: Ertragen

Aus den Toleranzedikten der Neuzeit (und den Anfängen der Aufklärung) sind die Religionsfreiheit und der säkulare Staat entstanden.

Anerkennung von Religionsgemeinschaften

Die Anerkennung von Religionsgemeinschaften – auf dem staatsrechtlichen Weg oder durch die Förderung gesellschaftlich relevanten Leistungen – ist ein Thema, das nicht wirklich vertieft diskutiert wird.

Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit

Die Schweiz ist seit 1874 ein säkulärer Staat. Er trennt die nationale von der religiösen Zugehörigkeit.

Stichworte zu den christlichen Werten

Neu glauben Aimer croire; Quer denken Oser penser; Frei handeln Pouvoir agir

Stichworte zu den heiligen Schriften

Ein Ratespiel für einen Politiker

Hanspeter Uster(*1958), Jurist mit Rechtsanwaltspatent, Dr. h.c., verheiratet, 2 erwachsene Söhne, wohnt in Baar/ZG, war 1991-2006 Regierungsrat des Kantons Zug, 2000-2016 Präsident der Gesellschaft für ethische Fragen, Zürich. Seit 2007 Projektleiter im Justiz- und Sicherheitsbereich und Leiter von Administrativuntersuchungen der öffentlichen Hand. Mitglied der Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft und Präsident des Schweizerischen Polizeiinstituts. Dozent an der Fachhochschule Luzern.

 

Medienbericht

Politische Wertediskussion, herausgefordert durch die Präsenz des Islam:

«Wetteifert miteinander im Tun guter Werke»

Luzern, 30. April 2018 /  Paul Jeannerat

Die wachsende Präsenz des Islam in der westlichen Welt hat Religion zurück auf die politische Bühne gebracht. Für bestimmte Politiker ist der Islam nicht zu verbinden mit den so genannten christlich-abendländischen Werten. Andere machen ein Wort aus dem Koran zu ihrer Devise und wollen Christentum und Islam friedlich verbinden: «Wetteifert miteinander im Tun guter Werke» (Abrahams Glaubensbekenntnis, Sure 5). Statt einander zu bekämpfen, sollten Christen und Muslime in einen friedlichen Wettbewerb um Frieden und Gerechtigkeit treten. Dies war die vorherrschende Meinung an der Dialogveranstaltung des Forums für Offene Katholizität (FOK) am 30. April 2018 im RomeroHaus Luzern.

Die Dialoge des Forums für Offene Katholizität (FOK) nehmen im Bildungsjahr 2017/2018 die europaweite politische Debatte um Grundwerte, Leitkultur und klare Normen auf. Der 52. Dialog war der Forderung nach der Anerkennung des Christentums als prägendem Wert und der Auseinandersetzung mit dem Islam gewidmet. Es referierten zwei ausgewiesene Experten: der tunesischstämmige, in Deutschland aufgewachsene islamische Theologe Amir Dziri, Professor für islamische Studien und Co-Leiter des Zentrums für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg/Schweiz und der Jurist Hanspeter Uster, der 15 Jahre lang die Justiz- und Polizeidirektion des Kantons Zug leitete und sich in Asyl- und Ausländerfragen einen Namen gemacht hat (wofür er von der Universität Bern zum Ehrendoktor promoviert wurde).

Der Wert der «Menschenrechte»

Das Wort «Wert» stamme begriffsgeschichtlich aus der Mathematik und der Ökonomie. In der Bedeutung einer Orientierungsdirektive sei es erst im 20.Jahrhundert erschienen, gleichbedeutend wie «das Wahre» oder «das Gute». Doch zur heutigen Zeit werde «Wert» inflationär gebraucht und abgenutzt. So umschrieb Hanspeter Uster die aktuelle Wertediskussion. Und er fügte bei, die Menschenrechte seien eine kurzgefasste Charta der grundlegenden Rechte und Werte, die jeder Person zustehen.

Als wesentliches Menschenrecht und als Personenwert hob Hanspeter Uster die Glaubens- und Religionsfreiheit hervor, und er betonte, die Beziehung der christlichen Konfessionen zum Islam müsse getragen sein von Respekt und Toleranz. Die Herausforderung, welche die Präsenz des Islam für die westlichen Volksgemeinschaften bedeute, sei ein Prüfstein der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Und er forderte, dass in der Schweiz die Anerkennung islamischer Gemeinschaften auf staatsrechtlicher Grundlage vertieft diskutiert werde.

 Prisma Islam

Bei Amir Dziri spürten die Hörerinnen und Hörer klar heraus, dass er Theologe ist, der auf wissenschaftlicher Basis über persönlich empfundenem islamischen Glauben spricht – im Unterschied zur Religionswissenschaft, die sozusagen «von aussen» das Phänomen «Religion» bearbeitet. Er ging von der post-säkularen Emanzipation aus, in der die westliche Welt steht, mit ihren Werten einer offenen Gesellschaft (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus). Dann hob er hervor, wie diese Werte in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung (noch) nicht verankert sind, sondern dass dort die Religion die zentrale Rolle spielt. Die Islam-Debatte ist, gemäss Amir Dziri, zu einem Prisma zahlreicher Aushandlungsprozesse post-säkularer Gesellschaften geworden. Und er forderte eine verstärkte Selbstreflexion der Muslime und eine grössere Bereitschaft der «christlichen» Welt, muslimische Identitäten sozial und politisch differenziert wahrzunehmen.

Staatsrechtliche Anerkennung islamischer Gemeinschaften

Die Diskussion unter Leitung von Thomas Staubli, Dozent für Altes Testament an der Universität Freiburg/iÜ., nahm eine Forderung von Hanspeter Uster nach staatsrechtlicher Anerkennung muslimischer Vereinigungen als Glaubensgemeinschaften auf. Diese müssten bestimmte rechtliche Kriterien erfüllen und Vorleistungen erbringen: Anerkennung der Menschenrechte, Trennung von Glaubensgemeinschaft und Staat, demokratische Organisation, öffentliche Rechnungsablegung. Gemäss Amir Dziri sind diese durchaus mit dem muslimischen Glauben zu vereinbaren. Eine vertiefte Debatte ist in der Schweiz dringend nötig, meinten die dreissig Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

 

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